Erfahrungen mit der OrCam - oder die PR-Tricks eines Hilfsmittel-Anbierters

Wenn Blinde sehende gemacht werden kann eine von drei Dingen eingetreten sein: Entweder ist der Messias doch noch zurückgekehrt, dann Gnade uns Gott. Oder die Wissenschaft hat einen ihrer seltenen großen Fortschritte gemacht, das ist nur wenig wahrscheinlicher als die Rücckehr des Heilands. Oder die OrCam bzw. die Firma dahinter hat die PR-Kanone ausgepackt.

Was ist die OrCam

Nüchtern betrachtet ist die OrCam nicht viel mehr als eine smarte Brille. Sie kann Texte erkennen und vorlesen, einprogrammierte Gesichter erkennen und noch ein wenig mehr. Vor 20 Jahren wäre das revolutionär gewesen, vor 10 Jahren supergeil, aber heute sagen wir, sie kann alles, was ein Smartphone für ein Sechstel des Preises kann, aber besser. Also das Smartphone kann es besser.

Für 4000 € hast Du die Hände frei

Die Nutzer der OrCam argumentieren vor allem damit, dass sie dank der OrCam die Hände frei haben. Dafür zahlen wir doch gerne die 4000 € aus unsereren Steuern bzw. aus der Krankenkassen-Beträgen.

Die OrCam ist nur für Sehrestler geeignet

Die OrCam ist leider für Vollblinde Personen vollkommen ungeeignet. Man muss schließlich wissen, dass irgendwo Text steht, damit man ihn sich vorlesen lassen kann. Anders als etwa die App Seeing AI kann die OrCam nicht einfach die Gegend abscannen, um nach Text zu suchen.

OrCam: Von der PR zur Märchenstunde

Liest man diese nüchternen Fakten, fragt man sich, warum soviel Gewese um dieses Gerät gemacht wird. Eine Zeitlang verging keine Woche, ohne dass das Wunderwerk von irgendeiner Publikation gelobt wurde. Das zeigt vor allem zweierlei: In den Redaktionen sitzen heute vor allem Leute, die PR-Meldungen ungeprüft abdrucken. Vor allem zeigt es aber, dass die OrCam die Klaviatur der PR 1a beherrscht. Meines Erachtens ist hier die Grenze zu einer legitimen PR weit überschritten. Der Erfinder lässt sich als neuen Jesus feiern, als ob er nicht 4000 Euro pro Exemplar abverlangen würde. Man spielt mit den Hoffnungen der Blinden und ihrer Angehörigen, weil man ihnen vorgaukelt, sie könnten mit diesem Gerät wieder ein Leben wie ein Sehender führen. Die Ernüchterung kommt übrigens schnell, wenn auch nicht schnell genug: Viele Nutzer stellen nach ein bis zwei Wochen fest, dass das Gerät den Alltagstest nicht besteht. Nur haben OrCam und die Verkäufer ihr Geld dann schon bekommen und der Nutzer hat eventuell das Pech, dass er kein weiteres Hilfsmittel von der Krankenkasse mehr bezahlt bekommt. Die OrCam hat also die Grenze der Geschmacklosigkeit bei weitem überschritten, zumindest aber die Grenze der geschmackvollen PR. Deswegen darf sie sich auch diese Art von Kritik gefallen lassen. Wir haben nichts gegen die OrCam als Hilfsmittel an sich. Sie hat sicherlich Bereiche, in denen sie gute Dienste leistet. Was uns ärgert ist die Selbst-Inszenierung dieser Firma als Heilsbringer. Es wird argumentiert, die Überschriften wie "Blinde sehend machen" würden sich die Medien ausdenken. Aber die Medien arbeiten schließlich auf der Grundlage dessen, was ihnen die PR-Abteilung der OrCam liefert. Und die Inszenierung, als sei man eine Mischung aus Greenpeace und Brot für die Welt - pardon - für die Blinden, das kommt definitiv von OrCam. Mir ist kein anderer Hilfsmittel-Anbieter bekannt, der so viel heiße PR-Luft produziert.

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